Irrtümer zur Luftdichtheit

Die bauphysikalischen Vorgänge der Wärme- und Feuchteübertragung sowie der Luftaustausch in einem Raum sind nicht sichtbar oder direkt fühlbar. Die Zusammenhänge dieser Vorgänge sind für den "Normalbürger" sehr komplex. Entsprechend sind leider viele Irrtümer, Vorurteile und falsche Vereinfachungen zum Thema Luftdichtheit und luftdichtes Bauen verbreitet.

 

Irrtum Nr. 1 zur Luftdichtheit von Gebäuden: Die atmende Wand / mein Haus muss atmen!(?)

Dieser Satz fällt oft in der Diskussion um zusätzliche Außendämmung von Fassaden oder um luftdichtes Bauen allgemein. Leider handelt es sich hierbei aber um einen weit verbreiteten und hartnäckigen Irrglauben, selbst unter manchen Handwerkern am Bau! Manche verstehen hierbei das "Atmen" als Luftaustausch durch Aussenbauteile, andere verstehen das "Atmen" als Feuchtetransport durch Aussenbauteile.

a) "Atmen" im Sinn von Luftaustausch

Der Ursprung der These von der atmenden Wand wird dem bayerischen Chemiker und erstem deutschen Hygieniker Prof. Max von Pettenkofer (1818-1901) zugeschrieben. Er hatte im Jahr 1858 vor seinen Studenten Versuche zur Luftdichtheit von Baustoffen durchgeführt, aus denen im Nachgang falsche Schlüsse gezogen wurden. Prof. Max von Pettenkofer glaubte wohlgemerkt selbst nie daran, dass die "Porenventilation" durch die Außenbauteile eines Gebäudes für einen hinreichenden Luftaustausch im Gebäude sorgen könne!

Im Jahr 1928 veröffentlichte Dr. Ing. Erwin Raisch, Physiker am Forschungsinstitut für Wärmeschutz bzw. am damaligen Forschungsheim für Wärmeschutz in München, in seinem Fachartikel "Die Luftdurchlässigkeit von Baustoffen und Baukonstruktionsteilen" in der Zeitschrift "Gesundheitsingenieur" (1928, Heft 30) unter anderem folgende gemessenen und auf real übliche Druckdifferenzen umgerechneten Luftdurchlässigkeiten von Bauteilen:

Einzelner Ziegelstein: 0,001 m³/hm²
Ziegelwand 37 cm, Spritzbewurf und Innenputz 1,5 cm: 0,050 m³/hm²
Nur Innenputz 2,5 cm: 0,025 m³/hm²
Nur Innenputz 2,5 cm, geweißt: 0,003 m³/hm²

Für ein durchschnittliches Einfamilienhaus mit 500 m² Hüllfläche ergibt sich aus dem Leckageluftstrom von 0,025 m³/hm² durch 2,5 cm Innenputz gerade einmal in Summe ein Luftstrom von 12,5 m³/h. Bei einem Luftvolumen von 600 m³ entspricht dies einer winzigen Luftwechselzahl von 0,02 1/h - fernab von einem wirklichen Beitrag zur hygienisch notwendigen Lüftung des Gebäudes. Die "atmende Wand" im Sinn eines wirksamen Luftaustauschs gibt es daher leider nicht!

Übrigens leisten auch Dämmstoffe an Außenwänden in der Regel keinen Beitrag zur Luftdichtheit und führen daher keinesfalls dazu, dass ein Haus "weniger atmen" kann. Freilich können manche Ausführungen zusätzlicher Wärmedämmung in Verbindung mit neuen Putzlagen dazu führen, dass sich das Verhalten des Gebäudebauteils ändert und zwar hinsichtlich der Aufnahme von Schlagregen, der Fähigkeit zur Weiterleitung von Wasser, den Temperaturen und - dem nächsten Punkt - der Wasserdampf-Diffusion. Deshalb unser Hinweis: Um das Risiko von Bauschäden an eventuell kritischen Konstruktionen zu minimieren, führen wir neben Luftdichtheitsprüfungen auch im Vorfeld eines Bauvorhabens Berechnungen zum hygrothermischen Verhalten von Bauteilen mit dem Simulationsprogramm WUFI durch, siehe Wärme & Feuchteschutz / Wasserdampfdiffusion.

b) "Atmen" im Sinn von Feuchteaustausch durch Wasserdampf-Diffusion

Jeder Mensch gibt vom Körper pro Tag bis zu 2 kg Wasserdampf an seine Umgebung ab. Hinzu kommen weitere Feuchteentwicklungen durch Duschen, Geschirrspülen, Wäschetrocknen, Zimmerpflanzen usw. Diese Feuchtigkeit muss über die Raumluft nach draußen abgeführt werden. Jedoch entsteht im Raum deutlich mehr Feuchtigkeit, als durch die Außenwände und ggf. das Dach nach außen abgegeben werden kann.

Hierzu ein einfaches Zahlenbeispiel:

Nimmt man nur mal die oben genannten 2 kg bzw. 2 Liter Wasser in Form von Dampf pro Person und Tag, ohne die Feuchteentwicklung durch Duschen, Geschirrspülen, Wäschetrocknen, Zimmerpflanzen usw., so wird die Raumluft in einem 4-Personen-Haushalt pro Tag mit 8 kg Wasser belastet. Über ein Winterhalbjahr (Oktober bis März) müssen so 1460 kg Wasser nach außen abgeführt werden.

In sehr diffusionsoffene Wand- und Dachsysteme werden während eines Winterhalbjahres etwa 500 g/m² Wasser durch Diffusion (durch luftdichte Bauteile) und Konvektion (an immer vorhandenen Leckagestellen) transportiert und nach außen abgegeben. Über ein Winterhalbjahr werden so an einem Einfamilienhaus mit 500 m² Hüllfläche und davon angenommen 300 m² diffusionsoffene Bauteile rund 150 kg Wasser über die Außenbauteile abgeführt. Dies sind nur rund 10 % der oben angegebenen abzuführenden Wassermenge! Die überwiegende Wasserdampfmenge ist also über Lüftung nach außen abzuführen!

D.h. diffusionsoffene Außenbauteile haben meist Vorteile im Bezug auf die Bauschadensfreiheit. Dringt Feuchtigkeit ein - was bei den meisten Baukonstruktionen kaum ganz vermeidbar ist - kann sie auch wieder abgeführt werden. Diffusionsoffene Außenbauteile leisten jedoch keinen wirklichen Beitrag zur Abfuhr von Feuchtigkeit aus der Raumluft nach außen in dem Maß, dass man weniger lüften müsste. Die "atmende Wand" im Sinn von für die Raumluft bedeutender Wasserdampf-Diffusion gibt es also auch nicht.

Auch darf man Luftdichtheit nicht mit Diffusionsdichtheit gleichsetzen, siehe "ist luftdicht = diffusionsdicht?".

Ein anderer und unbestritten nützlicher Effekt an Außenbauteilen ist die Feuchtepufferung. Beispielsweise die ersten 1 bis 2 cm eines Putzsystems bieten die Möglichkeit, Feuchtespitzen in der Raumluft zu mildern und das Raumklima zu beeinflussen. Innenputzsysteme auf der Basis von Kalk oder Lehm sind hier zum Beispiel besonders effektiv. Auf den Feuchtetransport durch die Wand hindurch hat dies jedoch praktisch keinen Einfluss.

 

Irrtum Nr. 2 zur Luftdichtheit von Gebäuden: Eine ganz luftdichte Gebäudehülle ist gar nicht gut, etwas Leckagen sorgen für frische Luft!(?)

Diesen Satz kann man - wenn überhaupt - nur gelten lassen im Fall von gewollten Aussparungen an Fensterdichtungen. Diese sind oft in Wohngebäuden mit Fensterlüftung zu finden. Über die energetische Sinnhaftigkeit von solchen gewollten Öffnungen im Fensterfalz kann man streiten. Aber die Erfahrung zeigt, dass diese den Bewohnern mindestens so weit beim Lüften "helfen", dass der Feuchteschutz sichergestellt wird. Denn leider kann der in einem Haus mit Fensterlüftung wohnende "Normalbürger" die Höhe der Raumluftfuftfeuchtigkeit praktisch nicht wahrnehmen. Außer die Raumluftfeuchtigkeit ist so extrem hoch, dass bereits die Schwülegrenze überschritten wird und man unweigerlich schwitzt (der bauphysikalische Super-GAU für nahezu jede Konstruktion außer solche speziell für Schwimmbäder). Oder die Raumluftfeuchtigkeit ist so extrem niedrig, dass die Schleimhäute trocken werden. Dazwischen fällt es sehr schwer wahrzunehmen, wann eigentlich die Fenster geöffnet werden sollten. Nicht jeder ist so sensibilisiert und so engagiert, im Winter ständig die Raumluftfeuchtigkeit über ein Hygrometer im Blick zu behalten und diese durch gezielte Stoßlüftung dauerhaft unter ca. 60 % zu halten.

Bei nahezu allen anderen möglichen Leckagestellen an einem Gebäude ist die These, dass etwas Leckagen wegen frischer Luft im Haus vorhanden sein müssen, geradezu grob fahrlässig. Hierzu drei grundsätzliche im Gebäudebestand vorhandene Fälle:

a) Die Gebäudehülle ist nicht luftdicht:

Diese Variante entspricht einem sehr alten und sehr schlecht ausgeführten Altbau mit sehr hohen Wärmeverlusten, zu trockener Raumluft im Winter und ggf. Zugerscheinungen. Eine solche Ausführung ist weder sinnvoll, noch möchte dies heute noch jemand.

b) Die Gebäudehülle ist "ein bisschen" luftdicht:

Dies ist der bauphysikalisch ungünstigste Fall und leider sehr weit verbreitet. Kritisch sind immer Luftleckagen an Stellen, an denen lang anhaltende Durchfeuchtung durch Kondensation stattfinden kann und in der Folge Baustoffe (vor allem Holz) durch Pilze und anderes mikrobielles Wachstum geschädigt werden. Die möglichen Auswirkungen einer solchen Ausführung beschreiben wir auch in "Dichtheitsanforderung / lokale Leckagen bzw. Dichtheitsanforderung erfüllt und gut?".

c) Gebäudehülle luftdicht:

Der hinsichtlich Energieeffizienz, Gesundheit und Komfort einzig richtige Weg: Die luftdichte Gebäudehülle und zwar so gut wie möglich! Darum ist auch unser Leitsatz: Luftdicht, was sonst? Freilich gehört zu einem heutigen energieeffizienten Gebäude, dass man sich Gedanken macht, wie die notwendige Lüftung sichergestellt werden kann. Beide Dinge, die luftdichte Gebäudehülle und eine ausreichende Lüftung sind übrigens auch im §6 der Energieeinsparverordnung EnEV verankert. D.h. beides gehört heute zum gesetzlichen Standard!

 

Irrtum Nr. 3 zur Luftdichtheit von Gebäuden: Ein einiziges Loch in der luftdichten Gebäudehülle und die Probleme beginnen!(?)

Oft folgt auf diesen Satz noch: "Da baue ich doch lieber gleich undichter .... ". Eine völlig falsche Einschätzung!

Für das Auftreten eines Bauschadens aufgrund von Feuchtigkeit aus der Raumluft müssen in der Regel ungünstige Faktoren zusammenkommen.

Idealerweise wählt man Bauteilkonstruktionen, die ein hohes Bauschadensfreiheitspotenzial bieten, also in der Lage sind, eingebrachte Feuchtigkeit gut nach außen und innen wieder abzugeben. Diese Konstruktionen sind in der Regel nach dem Prinzip "nach innen diffusionsdichter als nach außen" aufgebaut und verzeihen mit hoher Wahrscheinlichkeit beispielsweise eine etwas vernachlässigte Fensterlüftung oder kleine (!) Fehler in der Verarbeitung der luftdichten Ebene, die immer passieren können.

Manche Konstruktionen sind jedoch von vornherein kritisch. Beispielsweise können unter bestimmten Begleitumständen beidseitig diffusionsdichte Flachdächer in Holzkonstruktion kritisch sein. Sind an so einer Konstruktion Luftleckagen vorhanden, wird die Lage mindestens verschärft, das ist richtig. Luftdichtes Bauen an sich ist jedoch keinesfalls die Ursache für einen Bauschaden, sondern eine der Grundlagen für die Vermeidung von Bauschäden! Darum auch hier nochmals unser Hinweis: Um das Risiko von Bauschäden an eventuell kritischen Konstruktionen zu minimieren, führen wir neben Luftdichtheitsprüfungen auch im Vorfeld eines Bauvorhabens Berechnungen zum hygrothermischen Verhalten von Bauteilen mit dem Simulationsprogramm WUFI durch, siehe Wärme & Feuchteschutz / Wasserdampfdiffusion.